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Gedanken am Morgen und Projekt-Empfehlung

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Gedanken am Morgen und Projekt-Empfehlung

Allgemein / 4. Dezember 2019 / 1 Comment

Picture above / Credits to Arlen Hogarth @lungless (Instagram)

Ich hatte gerade ein Gespräch mit einem der Initiatoren von “BUNT_LIEBEN” aus der Schweiz und möchte den Anlass nutzen, ein paar Gedanken mit euch zu teilen.
Links zum Projekt findet ihr im Anschluss.

Als ich Jugendliche war, war ich verliebt in 2 Jungs. Der eine hatte bereits eine Freundin, der andere nicht.
“Du musst dich entscheiden”, wurde mir damals von meiner besten Freundin gesagt.
Also entschied ich mich. Für den ohne Freundin. Klar, der andere war “vergeben” und demnach für mich eh nicht zu erreichen. Außerdem wäre es unfair dem Mädchen gegenüber, mich in deren Beziehung zu quetschen. Dachte ich. 2 Wochen später entschied ich mich um. Und der Junge mit der Freundin entschied sich ebenfalls um. Gegen seine Freundin. Für mich.
Aus dem kindlichen “Ja, Nein, Vielleicht”-Entscheidungsspiel wurde ein “Ja” für uns und ein “Nein” gegen die anderen.
Es fühlte sich komisch an.
Wir sprachen darüber. Und wider Erwarten reagierte er nicht wie alle anderen im damaligen Freundeskreis mit den üblichen mononormativen Floskeln, sondern sagte “Weißt du, eigentlich hätten wir uns nicht trennen müssen, um zusammen zu sein. Eine Beziehung zu viert wär doch cool gewesen.”
Ich dachte kurz drüber nach, lachte dann und sagte “Als ob sowas ginge… aber ja… eigentlich wäre das optimal gewesen.”
Wir haben diese Gedanken dann schnell wieder beiseite geschoben, denn für das, was wir damals schon fühlten, gab es keine Worte, es war einfach komisch und niemand konnte uns verstehen. Ich selbst konnte es damals noch nicht greifen. Und jeder, mit dem ich sprach, redete es mir wieder aus. Entscheiden sollte ich mich. Und aufhören, rumzuspinnen.
Jahre später traf ich meinen damals ersten Freund auf einer Party wieder. Es kribbelte, die alte Jugendliebe blühte kurzfristig wieder auf. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er neu vergeben war. Ich fühlte mich schlecht. Er sich nicht. “Als würde ich es mein Leben lang mit nur einer Frau aushalten, du kennst mich doch!”
Ich weiß, dass er mittlerweile verheiratet ist und den Schein wahrt. Man muss sich also doch entscheiden. Notfalls für das Verheimlichen.

Als ich älter wurde und die ersten Schritte im Bereich BDSM zu gehen versuchte, lernte ich schnell, dass das kein “Rumspinnen” ist und es mehr gibt als vordergründig monogame Beziehungen und das damit (in meiner Erfahrungswelt) so oft einhergehende Fremdgehen, dass Vanillasex nur eine Variante von Vielen ist und dass da mehr möglich war als “sich entscheiden” und auf die Hälfte verzichten oder eben lügen müssen.
Und ich lernte, dass es Worte dafür gibt für das, was ich suchte, für das, was ich fühlte und dass es Menschen gibt, die genauso sind wie ich.
Ich fühlte mich oft jedoch auch innerhalb der einzelnen Szenen fehl am Platz und als ich dann auch noch im gewerblichen Bereich Fuß fasste, war das Chaos perfekt.
Ich traf auf dominante Männer, denen ich zu dominant war und auf devote Männer, die mir die Ohren vollheulten, wie schwer es sei, eine dominante Frau zu finden und mich mit ihrem Selbstmitleid und ihren Anforderungen an die “perfekte dominante Frau” schnell verjagten. Ich traf auf Lesben, die mir sagten, ich soll die Männerwelt endlich hinter mir lassen und ich traf auf toxisch maskuline Männer, die mir sagten, sie wüssten genau, was “eine Frau wie ich” bräuchte.
Ich traf auf klassische Dominas, denen ich zu verspielt und kinky war und selbsternannte Sklaven, die nicht verstehen konnten, wieso ich aktiven Konsens und Einvernehmlichkeit forderte, weil sie als “Sklave” doch gar kein Mitspracherecht hätten.
Ich traf auf Menschen, die mich kritisierten, weil ich so offen und direkt kommunizierte und auf Frauen, die ihren Mann beiseite zogen, wenn ich einen Raum betrat, da ich in ihrer Welt eine Gefahr für sie darstellte.
Ich traf auf Menschen, die in hierarchiefreien offenen Beziehungen lebten, die die Hände überm Kopf zusammen schlugen, wenn ich von den “Machtstrukturen” in meinen BDSM-Beziehungen erzählte und ich wurde von alteingesessenen SM´lern ausgelacht, wenn ich von beziehungsanarchistischen Vorstellungen sprach.
Aaargh!
Wie ich es machte, machte ich es falsch. Dachte ich.
Ich versuchte mich selbst zu finden, analysierte und definierte rauf und runter, las mir stundenlang queere Lexika durch (wunderbar zur Orientierung und um zu begreifen, wie unfassbar groß die Vielfalt tatsächlich ist, just google it und befreie dich aus deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, Beispiel: https://queer-lexikon.net oder https://du-bist-du.ch/infopool/lexikon/), identifizierte mich kurzfristig mit etwas und löste mich dann wieder davon. Panromantisch, grey asexuell, bisexuell, kinky, poly… ja was weiß denn ich! Einiges konnte ich konsequent ausschließen, anderes war abhängig vom Gegenüber, wieder anderes kam in Phasen oder änderte sich in seiner Intensität immer mal wieder. Ein stetiger Prozess.

Nun, viele Jahre nachdem ich bewusst begann, meine Identität, meine Sexualität, meine Wünsche und Sehnsüchte zu erforschen, habe ich auf die ein oder andere Frage endlich eine Antwort gefunden. Vor allem aber weiß ich, dass nichts von all dem an mir “falsch” ist. Etwas verwirrend und ambivalent, ja. Kinky, queer und nicht der Norm entsprechend, ja. Aber nicht falsch.
Und als “kinky Princess Zuleika” konnte ich zumindest eine Facette meiner Persönlichkeit für mich relativ klar definieren und in einem Rahmen ausleben, der sich für mich gut anfühlte. Na, immerhin 😉

Die Lernprozesse gehen jedoch weiter, Beziehungen kommen und gehen, Entscheidungen müssen getroffen werden und Ent-Täuschungen tun weh, helfen mir jedoch immer wieder dabei, zu entscheiden, was ich wirklich will und vor allem, was ich nicht will.
Ich befinde mich mittlerweile in der Position, anderen bei ihrer Selbstfindung und auch dem Ausleben verschiedenster Neigungen helfen zu können. Mein Anspruch ist es, Aufklärung und Kommunikation zu fördern, statt Klischees und Vorurteile aufrecht zu halten.
Ein Grund, warum ich mich nie mit dem Bild der “klassisch dominanten Herrin” identifizieren konnte, da dabei für mich persönlich zu viel von mir selbst verloren gehen würde, es für mich keinen Reiz hat und ich mich auf Dauer nicht wohl fühlen würde, würde ich diese Rolle tatsächlich konsequent ausführen.

(Ich spreche wie immer in meinem Blog lediglich von mir persönlich, jeder muss letzten Endes für sich selbst entscheiden, was er aus welchem Grund wie leben möchte. Ich möchte einen kritischen und reflektierten Umgang mit sich selbst und der eigenen Sexualität fördern und denke, alles ist ok, solange es einvernehmlich und im besten Fall auch (selbst)bewusst und reflektiert geschieht. Man sollte meiner Meinung nach verschiedene Optionen zumindest betrachtet haben und kennen, bevor man sich entscheidet, welchen Weg man einschreitet. Und es sollte einem klar sein, dass man IMMER die Wahl hat, auch wenn das Außen einem vorzugeben versucht, “es ginge nicht anders, weil es eben so ist und schon immer so war”.)
Das, was ich in meinen eigenen zahlreichen Lernprozessen gelernt habe, möchte ich an andere weiter geben in Form von Coachings von Paaren und Einzelpersonen, Sessions im geschützten Rahmen und auch mit Öffentlichkeitsarbeit, Interviews und Blogbeiträgen, in denen sich die ein oder andere Person wiederfinden kann.
Und ich merke, dass all das, was ich in meiner Jugend und auch danach selbst erlebt habe, immer noch stattfindet. Die Verunsicherung, die Suche nach dem, was “richtig” ist, die Beziehungs- und Identitätskrisen, die Vorurteile und Ablehnung und auch oftmals Gewalt, mit der man konfrontiert wird.
Wer unaufgeklärt, unsicher, unerfahren ist, gerät schnell an Menschen, die dies ausnutzen, die Grenzen überschreiten und nicht konsensuelle Handlungen geschehen gerade im BDSM-Bereich sehr schnell.
Menschen, die dem queeren, alternativen Spektrum angehören, leiden außerdem oft unter dem, was das Umfeld ihnen suggeriert und sind ständig mit der Engstirnigkeit und Vorurteilen der Gesellschaft konfrontiert. Die Medien, Pornoindustrie, 50 SoG und klischeebehaftete massentaugliche Reportagen tun dann ihr Übriges, um ein verzerrtes und unrealistisches Bild in den Köpfen der Leute zu hinterlassen.

Es gibt für jemanden, der außerhalb der Norm denkt, fühlt, lebt kaum etwas Schöneres, als sich endlich mit jemandem austauschen zu können, der versteht, bereichernden Input gibt und einem offen begegnet.
Ein Austausch in Safe Spaces kann Wunder bewirken und zu echten Aha-Effekten führen.

Wieso ich euch das nun erzähle?
Weil es mir wichtig ist, dass meine Leser und meine Gäste verstehen, dass all das auch für mich nicht von Vornherein so klar und einfach in der Umsetzung war, wie es mittlerweile aussieht. Viele fragen mich, wie sie es schaffen können, sich von den gefestigten Mustern zu lösen, wie sie mit ihrem Gegenüber oder in ihrer Partnerschaft offen reden können. Ich höre von den Ängsten und von den befürchteten Konsequenzen, die ein Outing oder ein offenes Gespräch mit sich bringen würde.
Manche sind der festen Überzeugung, sie “hätten keine Wahl” und wieder andere glauben, dass sie die einzige Person in ihrem Umfeld sind, die auch nur annähernd solche Gedanken haben und dass sie mit niemandem darüber reden könnten.
Und manche denken wohl, ich hätte es da leichter, bei mir sei das alles ganz anders. Dass ich mehrere (un)freiwillige Outings an Universität oder im familiären Umfeld hatte, immer wieder enttäuschende Erfahrungen mache, mehrere Beziehungen bzw. Beziehungsversuche in die Brüche gingen aufgrund meiner Philosophie und auch aufgrund meines Jobs, den ich auch nie für die Liebe aufgeben wollte… Dass ich genauso wie jeder andere immer wieder Entscheidungen treffen muss. Das und soviele andere Stationen meines bisherigen Lebens, die ich überwinden musste, um da zu sein, wo ich nun bin, scheinen viele nicht zu ahnen.

Wie gesagt, habe ich heute morgen (ja, tatsächlich bin ich ausnahmsweise vor 13h mal fit) mit einem der Initiatoren von BUNT_LIEBEN aus Bern gesprochen und möchte im Anschluss an meine morgendlichen Gedanken kurz auf das Projekt hinweisen, das momentan weiter im Ausbau ist, nachdem erste Anläufe auf viel positiven Zuspruch stießen.
Die Menschen, die BUNT_LIEBEN ins Leben gerufen haben, möchten über die Diversität von Liebes- und Beziehungsformen aufklären, gegenseitigen Austausch fördern und mit Geschichten einen Einblick in verschiedene romantische und sexuelle Identitäten geben.
Ich finde diesen Ansatz super und freue mich, wenn ich mitwirken kann.
Bis dahin, hört gern mal in die Podcasts rein oder schaut euch den Instagram Account an und unterstützt die Community mit einem Like.

BUNT_LIEBENINSTAGRAM

BUNT_LIEBEN WEBSITE

Falls ihr zu der Generation U35 gehört und euch mit Gleichgesinnten austauschen möchtet,
ist eventuell der Besuch eines Stammtischs etwas für euch.

Stammtisch FARBENSPIEL Bern

Jugendstammtisch Basel

LISTE WEITERER STAMMTISCHE UND TREFFEN IN CH

Danke für eure Aufmerksamkeit.
Stay kinky!
Zuleika

1 Comments
  • Carlos Kull | Dezember 4, 2019 | Antworten

    Danke Euch für den Einblick in Eure Gedanken und Ansichten und auch das ihr mich in gewisser Weise die Türe gezeigt habt, Das ich alleine durch die Tür gehen muss ist mir klar, dennoch danke ich Euch für die Hinweise und Tipps die ich im Laufe der Zeit für Euch erhalten habe.
    Es ist mir bewusst das es noch ein langer Weg sein kann, jedoch kämpfe ich Tag für Tag
    Ich kann nur erahnen was Ihr bisher erlebt und wie viel Schmerz ihr erfahren habt was mich ermutigt und kraft gibt nicht aufzugeben
    Jede Entscheidung sei sie noch so klein bestimmt unser Schicksal ob bewusst oder unbewusst formt sie unser Leben. Natürlich auch ich habe Baustellen in meinem Leben die ich Stück für Stück beseitige, mal besser mal schlechter.
    Ich danke Euch das ihr Eure Gedanken mit uns teilt und hoffe das ihr noch vielen Verlorenen Seelen eine Hilfe sein werdet.
    Wie heißt es so schön, schon ein kleiner Stein kann eine Lawine auslösen.

    Wünsche Euch weiterhin eine Gute Zeit.

    Carlos

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